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News –
Deutsche Kinderkrebsnachsorge

"Wenn junge Patienten erwachsen werden"

Am 21. und 22. März fand in der Neuen Tonhalle in Villingen und der Nachsorgeklinik Tannheim ein Fachsymposium statt, das die Klinik gemeinsam mit der DEUTSCHEN KINDERKREBSNACHSORGE ausrichtete. Zentrale Themen waren die Transition, d.h der Übergang von einer kindzentrierten hin zu einer erwachsenenorientierten Gesundheitsversorgung sowie die damit verbundenen schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen.

 

3. Fachsymposium der DEUTSCHEN KINDERKREBSNACHSORGE und der Nachsorgeklinik Tannheim

Zum dritten Mal luden die DEUTSCHE KINDERKREBSNACHSORGE – Stiftung für das chronisch kranke Kind sowie die Nachsorgeklinik Tannheim am 21. und 22. März zu einem Fachsymposium ein. „Wenn junge Patienten erwachsen werden" - unter diesem Thema wurde zwei Tage lang in der Neuen Tonhalle Villingen und in der Nachsorgeklinik Tannheim diskutiert und aktuelle Informationen ausgetauscht.

 
Finanzielle Abdeckung der Transition - Große Lücke im Gesundheitswesen

„Es gelte, hier insbesondere den Übergang von einer kindzentrierten hin zu einer erwachsenenorientierten Gesundheitsversorgung in Deutschland zu sichern und die dafür notwendigen medizinisch-therapeutischen Behandlungsplätze, die strukturellen und vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen festzulegen“, erklärte der Geschäftsführer der Nachsorgeklinik und Stiftungsvorstand der Deutschen Kinderkrebsnachsorge, Roland Wehrle, am ersten Tag des Symposiums in der Neuen Tonhalle vor den über 150 Teilnehmern. Besonders die finanzielle Abdeckung der Transition, dem Übergang von Kindern oder jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen von einer kindzentrierten hin zu einer erwachsenenorientierten Gesundheitsversorgung, stellt laut Wehrle noch eine sehr große Lücke im Gesundheitswesen dar. „Viele Betroffene fallen in dieser Situation in ein tiefes Loch und brauchen in dieser Situation dringend Hilfe“, argumentierte Wehrle weiter.

 

Desaströse Pflegesätze - Defizit nur mit Spenden ausgleichbar

Nur rund 65 Prozent der von den Betroffenen beantragten Reha-Anträge werden derzeit bewilligt. In der ganzen Bundesrepublik stellen neben der Nachsorgeklinik Tannheim nur die Katharinenhöhe Schönwald, die Syltklinik, die Klinik Bad Oexen sowie die Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg für ein Transition spezialisiertes Familienorientiertes Konzept Plätze zur Verfügung. In der Nachsorgeklinik Tannheim stehen jährlich 120 Behandlungsplätze für Onkologie- und Kardiologie-Patienten und 100 Plätze für Mukoviszidose-Patienten zur Verfügung. „Dabei hängen die Tagessätze der Kranken- und Rentenversicherung den tatsächlichen Kosten desaströs hinterher“, rechnete Wehrle den anwesenden Vertretern der Krankenkassen und Rentenversicherungsträger vor. Während die tariflichen Löhne der Angestellten seit der Eröffnung der Klinik vor 16 Jahren um 30,9 Prozent angestiegen sind, erhöhten sich die Pflegesätze im gleichen Zeitraum nur um 10,09 Prozent. „So kann das nicht weitergehen! Tannheim fehlen bei einer 100prozentigen Belegung jährlich über 600 000 Euro, welche über Spenden gedeckt werden müssen, um die medizinisch-therapeutische Arbeit weiter zu sichern“, brachte es Roland Wehrle auf den Punkt. Falls hier nichts passiert, stehe die Nachsorgeklinik, wie auch die anderen Kliniken, in den nächsten fünf bis zehn Jahren vor dem Aus. Investitionen in Reha-Maßnahmen rechnen sich auch volkswirtschaftlich, Wehrle legte dabei Zahlen der Prognos AG Basel vor, welche im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung erstellt wurde. Demnach kommen mit einem in Reha-Maßnahmen investierten Euro der Volkswirtschaft wieder 5 Euro zu gute. „Bei diesem Ergebnis ist es mir unverständlich, das der Reha- Finanzierungdeckel nicht weiter angehoben wird und weiterhin von der Grundlohnsumme als Berechnungsgrundlage für die Tagessätze ausgegangen wird“, brachte es Wehrle auf den Punkt.

"Tannheim hat mich gerettet!"

Dass diese wichtige Arbeit auch sichtbar Früchte trägt, brachten gleich danach, drei junge Erwachsene Patienten zu Gehör. „Tannheim hat mich gerettet, durch meine Reha hier zusammen mit anderen betroffenen jungen Erwachsenen kam ich aus einem tiefen Tal hinaus“, argumentierte eine Betroffene. Im Rahmen einer auf vier Wochen angelegten Reha-Maßnahme, lernen junge chronisch kranke Patienten hier mit dem Übergang ins Erwachsenenleben umzugehen. In Tannheim werden die jungen Erwachsenen in Gruppen oder auch Einzeln nicht nur medizinisch und psychosozial versorgt, sondern erleben auch in der Physiotherapie, beim Sport, Workshops und gemeinsamen Freizeitaktivitäten ein ganz besonderes „Wir-Gefühl“. „Hier haben wir alle den gleichen Hintergrund, zu Hause sind wir oft ausgegrenzt, trauen uns nicht in ein Fitness-Studio, weil wir bedingt durch unsere Krankheit sehr geschwächt sind – denn mit einer Lungenfunktion unter 30% ist jede körperliche Herausforderung eine enorme Belastung“, so die betroffenen Jugendlichen.

Der Erste Direktor der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg,Hubert Seiter nahm mit Interesse die vorgelegten Zahlen und Fakten entgegen, „gelegentlich lohnt es sich hier mal Laut zu werden und das ist recht so“. Seiter informierte darüber hinaus, dass von Seiten der Rentenversicherung, neue Vergütungsverträge derzeit in Arbeit sind.

 
"Arbeiten Sie schnell!"

In einer Podiumsdiskussion, moderiert von Inge König, Redaktionsleiterin der Zeitung „Gesundheit“ des SÜDKURIER Medienhauses Konstanz, diskutierten die Teilnehmer über die Herausforderung der Transition für Kliniken, Leistungsträger und Politik.

Im aktuellen Koalitionsvertrag wurde das Thema aufgenommen, erklärte Lothar Riebsamen, MdB und Mitglied im Ausschuss für Gesundheit. Die Krankenkassen sowie die Rententräger passen ihre Pflegesätze nur im Rahmen der Grundlohnrate an, so ist es derzeit auch gesetzlich festgelegt. Dass die Finanzierungsschere hier bei der Nachsorgeklinik Tannheim so weit auseinandergeht, konnte Thorsten Kapitzki-Nagler, Stellvertretender Referatsleiter „Rehabilitation und Soziale Dienste“ von der AOK Baden-Württemberg, nur schwer nachvollziehen. „Wir suchen unsere Patienten nicht nach den Tagessätzen aus, sondern haben hier fast nur schwer chronisch erkrankte Patienten mit einem enorm hohen Pflegebedarf und bieten ihnen das, was sie brauchen“, argumentierte Wehrle dagegen. Kapitzki-Nagler versprach darauf, Gespräche mit den Betroffenenverbänden und Kliniken zu führen, auch MdB Lothar Riebsamen möchte diese Verhandlungen weiter unterstützen. „Arbeiten sie schnell! Ich und andere Patienten werden die Ergebnisse wahrscheinlich gar nicht mehr erleben. Aber für die, die nach uns kommen, bitte ich sie: Arbeiten sie schnell!“, brachte es der Kardiologie-Patient Kenth Joite auf den Punkt.

Im Rahmen der Vorträge referierte der bundesweit anerkannte Jugendberater und Buchautor Dr. Jan-Uwe Rogge über die Pubertät bei gesunden und kranken Jugendlichen während Wiebke Jessen von der Sinus:Akademie Heidelberg über die verschiedenen Lebenswelten und -kulturen von Jugendlichen informierte. 

Am zweiten Tag des Symposiums in der Nachsorgeklinik Tannheim wurde dem Fachpersonal ein näherer Einblick in das Konzept der Jungen Reha vermittelt. Zudem widmeten sich einzelne Workshops den Problemen und Perspektiven der Transitionsmedizin sowie den heutigen Herausforderungen an chronisch kranke Jugendliche und junge Erwachsene, deren Eltern sowie an das Fachpersonal.