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News –
Deutsche Kinderkrebsnachsorge

Tannheimer Fachsymposium 2016

Am 8. und 9. April fand in der Neuen Tonhalle Villingen und der Nachsorgeklinik Tannheim ein informatives Fachsymposium mit Vorträgen und Workshops statt.

Geschwisterkinder benötigen mehr Aufmerksamkeit –

Experten diskutieren beim Tannheimer Fachsymposium zum Thema Schattenkinder

 

Villingen-Schwenningen. Wenn Kinder krank werden, sogar um ihr Leben bangen müssen oder mit einer chronischen Erkrankung oder einer Behinderung zur Welt kommen, leidet nicht nur das betroffene Kind unter der Last seiner Krankheit. Die ganze Familie ist betroffen und bewegt sich oft von einem Ausnahmezustand zum anderen. Sind noch weitere gesunde Kinder in der Familie, geraten diese in manchen Fällen ins Abseits. Denn das kranke Kind erhält die volle Aufmerksamkeit der Eltern – Geschwisterkinder werden in die Obhut der Großeltern gegeben, während die Eltern am Krankenbett des anderen Kindes wachen. Gemeinsame oder gar unbeschwerte Familienzeit gibt es kaum noch oder gar nicht mehr. Diese Extremsituation hinterlässt Spuren bei allen Familienmitgliedern. Geschwisterkinder leiden enorm. Die Angst um die Schwester oder den Bruder und die fehlende Aufmerksamkeit hinterlassen bei vielen Spuren. Erst recht, wenn das Schlimmste eintrifft: Die Schwester oder der Bruder stirbt.

 

Das diesjährige Fachsymposium der Nachsorgeklinik Tannheim und der Deutschen Kinderkrebsnachsorge hat sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt und mit Experten aus den Fachbereichen der Medizin, dem psychosozialen Bereich und Vertretern von Krankenkasse und Rentenversicherung in der neuen Tonhalle diskutiert. Sind Geschwisterkinder eines kranken Kindes oder gar verstorbenen Kindes automatisch Schattenkinder – sind sie diesem Schicksal ausweglos ausgeliefert oder gibt es auch Wege, damit dies nicht so sein muss? Der Leiter der psychosozialen Abteilung der Nachsorgeklinik Tannheim, Jochen Künzel, sagt: „Nicht jedes Kind wird automatisch durch die Situation belastet. In der familienorientierten Reha in Tannheim stellen wir aber immer wieder fest, dass die Energiereserven der ganzen Familie erschöpft sind. So auch die der Geschwisterkinder. Es ist dann unsere Aufgabe als Fachpersonal zu erkennen, inwiefern die Geschwister mit der Belastung umgehen. Ist ein Kind sehr unauffällig, still und eher zurückgezogen, sind das oft Indizien dafür, dass das Kind leidet.“

 

Wie wichtig es ist, dass auch die Geschwisterkinder Unterstützung benötigen, zeigen die Zahlen. Etwa zwei Millionen gesunde Geschwisterkinder von schwerkranken Kindern leben in Deutschland. In jeder dritten bis vierten Familie lebt ein Kind mit besonderen gesundheitlichen Problemen. In jeder fünften Familie ein chronisch krankes oder behindertes Kind. Wie wichtig es ist, die Familie als ganzes System zu sehen, untermauert auch Buchautorin Susann Sitzler in ihrem Vortrag zum Fachsymposium. In ihrem letzten Buch mit dem Titel „Geschwister: die längste Beziehung des Lebens“ zeigt sie auf, wie die Geschwisterbeziehung das Leben von Menschen ein Leben lang prägt. „Die Forschung zeigt immer mehr auf, dass die Rolle von Geschwistern einen wichtigen Stellenwert bei der Entwicklung eines Menschen einnimmt. Mit Geschwistern erlebt man zum ersten Mal die intensivsten Gefühle, wie Liebe, Angst, Vertrauen, Zorn oder Wut. Es ist wie eine Testphase für das spätere Leben“, erklärt sie. Werden in dieser Phase schon stark verstörende Situation erlebt, macht sich das bemerkbar.

 

Trotzdem ist es Künzel wichtig, hinter das Wort Schattenkinder nicht ein Ausrufezeichen zu setzen, sondern ein Fragezeichen. Wichtig ist, dass diese Kinder bei den Kostenträgern nicht nur als Begleitpersonen gesehen werden, sondern als Sekundärpatienten, die einen angemessenen Pflegesatz benötigen. Roland Wehrle, Geschäftsführer der Nachsorgeklinik Tannheim und Stiftungsvorstand der Deutschen Kinderkrebsnachsorge appelliert deshalb an die Vertreterinnen der Kostenträger, Daniela Amann von der Schwenninger Krankenkasse und Dr. Karin Laudien von der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg: „Wir haben zwar schon viel erreicht, mehr als wir uns das vor 30 Jahren noch vorstellen konnten. Dennoch reicht es bis heute nicht. Die Tannheimer Nachsorgeklinik benötigt jährlich rund 600 000 Euro, nur um den laufenden Betrieb zu erhalten. Der Appell geht daher ganz klar an die Politik: „Dringend geändert werden muss hier die Bindung an die Grundlohnsumme, denn diese wird mittelfristig dazu führen, dass Rehakliniken, aber auch Akutkliniken, derart unterfinanziert sind und zahlungsunfähig werden. Dabei muss man zudem beachten, dass Kinder mit kardiologischen Erkrankungen oder Mukoviszidose-Patienten glücklicherweise älter werden und damit mehr Reha-Aufenthalte benötigen.“

 

Auch andere Projekte, die sich um Geschwisterkinder bemühen, wie das Geschwisterkinder Netzwerk in Niedersachsen oder die Arbeit des Sporttherapeuten Markus Wulftange an der Uni Leipzig, ringen um die Finanzierungsmöglichkeiten. Oft können die Projekte nur aufgrund von Spenden existieren.

Doch nicht allein auf der finanziellen Ebene, bedarf es weiterer Entwicklungen. Auch auf Fachbereichsebene entschließen sich die Experten beim Symposium für eine engere Vernetzung untereinander und möglichst der Schaffung eines Qualitätszirkels. „Denn nach der vierwöchigen Reha in Tannheim, muss die Arbeit fast immer fortgesetzt werden. In einigen Fällen wissen wir dann gar nicht, wohin wir die Familien weiterschicken können, da uns schlichtweg die Adresse und Infos fehlen“, erklärt der psychosoziale Leiter der Klinik.

 

Den ausführlichen Pressetext zum Fachsymposium finden Sie hier.

 

Impressionen gibt es in unserer Bildergalerie.